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Der tanzende Ökonom | 03/Herbst 2018

Banklizenz abgelehnt, Neuausrichtung der Genossenschaft für Gemeinwohl, Gründung des Internationalen GWÖ-Verbandes, Fellowship am IASS und vieles mehr - 2018 ist dicht!

Ein Glück, dass ich da noch zum Tanzen komme - unter anderem auf Einladung des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses.

Die Erkenntnis wächst: Das politische Engagement ist umso wirkungsvoller, je mehr und konsequenter ich tanze. Im Leben und durch das Leben.


Übersicht
  1. Highlights: Postgrowth Conference, Hubert von Goisern, taz.lab zur Vollgeld-Reform
  2. Bankgründungsprojekt: Ablehnung der Lizenz, Neuausrichtung, Erfolgreiches Crowdfunding
  3. Gemeinwohl-Ökonomie: Verbandsgründung, Stuttgart fördert GWÖ-Betriebe, Preise für GWÖ-Unternehmen, GWÖ-Woche 2018
  4. Wissenschaft: Donut meets ECG, IASS-Fellowship gestartet, Lehrgang „Angewandte GWÖ“ gestartet
  5. Reisen: Costa Rica, Holland, Italien
  6. Tanz: 60 Jahre EWSA, Tree-hanging
  7. Medienblitzlichter
  8. Action!

I. Highlights

Postgrowth Conference im EU-Parlament

Die 2-tägige Postgrowth-Konferenz im Europäischen Parlament war eine besondere Erfahrung. Insgesamt 600 Forscher*innen, NGO-Vertreter*innen und (Klima- etc.) Aktivist*innen kamen auf zahlreichen Podien mit dem politischen Establishment in Berührung. Fünf Parlamentsfraktionen hatten sich bereit erklärt, die Sessions zu hosten und das Event dadurch auch formal zu ermöglichen. Auf allen Podien waren sowohl die Zivilgesellschaft und Forschungsgemeinschaft als auch Politiker*innen und Mitglieder*innen der EU-Kommission vertreten. Leider ist meine Wahrnehmung, dass sich hierbei, obwohl einander aufmerksam zugehört wurde, ein „clash of cultures“ ereignete, im Sinne des Aufeinanderprallens von Wertesystemen. Die „offizielle“ EU befindet sich, so meine alte und neue Ansicht, grosso modo auf dem falschen Gleis: Wachstum, Business, Handel – das um jeden Preis! Einzelne Programme und Aktivitäten, die von aufgeklärten Geistern zeugen, können an diesem Grundbild nicht rütteln.

Bezeichnend war die Aussage des Generaldirektors der „DG EMPL“ (Employment, Social Affairs & Inclusion) Joost Korte: „For the EU commission, GDP growth is not a fetish. It is not a goal. The goal is inclusive and sustainable growth.“ Entlarvender geht es nicht. Ich antwortete, dass in dieser Zielformulierung Wachstum das einzige Substantiv sei, somit das Wichtigste; „inklusiv“ und „nachhaltig“ seien bloß Adjektive. Er wollte mir das dann so verdrehen, dass ich behauptet hätte, dass die EU-Kommission ausschließlich Wachstum als Ziel verfolge. Ich stellte richtig, dass das BIP-Wachstum neben vielen anderen Zielen häufig das wichtigste sei, Beispiel CETA-Legitimierung. Wäre bei der CETA-Prognosestudie ein negatives BIP-Wachstum herausgekommen, hätte CETA politisch keine Chance gehabt. Auf meinen Vorschlag, die Zielformulierung auf „inclusive and sustainable wellbeing“ zu wechseln, wovon es – im Unterschied zu GDP growth – nicht zuviel geben könne, ging er nicht ein. Dieses Scharmützel gibt den institutionellen Geisteszustand in der EU ganz gut wider.

Auf einem anderen Podium stellte ich Wettbewerbs-kommissarin Martarethe Vestager die Frage, ob die höheren Kosten und Preise verantwortungsvoller Unternehmen nicht eine eklatante Wettbewerbsverzerrung darstellten. Ihre Antwort war ähnlich ernüchternd: Zum Schutz der Umwelt und humaner Arbeitsverhältnisse gäbe es ja bereits Gesetze… Aber immerhin. Die EU-Kommission kam mit einem ihr unvertrauten Teil der „real world“ in Berühung. Einige Kontakte in die EU-Kommission sind geknüpft. Schon am Vortag vernetzen sich NGOs und WissenschaftlerInnen im berühmten „Mundo B“, einem Haus vieler NGOs in Brüssel, darunter Friends of the Earth.

Input C. Felber: "Measuring the (ultimate) goal of the Common Market" (4 Seiten)

Hubert von Goisern in Salzburg

Über FURCHE-Herausgeber Heinz Nussbaumer lernte ich Hubert von Goisern kennen. Letztes Jahrtrafen wir uns in Salzburg, um eine mögliche Zusammenarbeit zum Thema Gemeinwohl-Ökonomie und Bank für Gemeinwohl auszuloten. Von ihm selbst kam die Idee einer öffentlichen Diskussion. Nach Sondierungen in mehrere Richtungen kam die konkrete Initiative von der GWÖ Salzburg und der – gemeinwohlbilanzierten – ARGE Kultur Nonntal. Isabella Klien designte einen Abend mit einem Zwiegespräch zwischen Hubert und mir, einem praktischen GWÖ-Teil mit Anwender*innen aus Wirtschaft (Jennifer Klink/Hotel Auersperg), Politik (Bürgermeister Hans-Jörg Dirner aus Kirchanschöring), Wissenschaft (Wolfgang Schäffner vom Studienzentrum Saalfelden) und Kultur (Daniela Gmachl/ARGE Kultur). Der Abend wurde sehr positiv von den 300 Gästen aufgenommen, es wären gerne doppelt so viele gekommen. Die Krönung war das Schlussstatement von „HvG“, der der Initiative der Gemeinwohl-Ökonomie dankte und coram publico sagte, dass er Genossenschafter der Genossenschaft für Gemeinwohl werde. 


tazlab zur Vollgeld-Reform

Das taz.lab lud mich – gemeinsam mit Stephan Schulmeister – zu einer kontroversen Diskussion zum Thema Vollgeld-Reform. Hintergrund: Die bekannte taz-Journalistin und Buchautorin Ulrike Herrmann („Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“) ist dem Thema Vollgeld auf der Spur. In der Schweiz stand das Thema am 10. Juni zur Volksabstimmung. Da das Thema a) in Deutschland noch weitgehend unbekannt ist, b) sie niemanden aus der Schweiz wollte und c) zwei „Ösis“ jeweils ausgeprägte Positionen für und gegen die Reform einnehmen, hat sie uns zu diesem Gespräch geladen. Die GWÖ nutzte das für einen ganztägigen Infostand, der von mehreren Regionalgruppen (Berlin, Hamburg, Steinbach, …) betreut wurde. Ich konnte laut Rückmeldung das Thema verständlich darlegen.

Hintergrundtext C. Felber: „Vom Vollgeld zum Souveränen Geld“

II. Bankgründungsprojekt

FMA verweigert uns die Lizenz – europäischer Normalfall

Wie im letzten Newsletter berichtet, haben wir auf den Erstantrag für die „kleine Lizenz“ für den Zahlungsverkehr (= Girokonto mit Online-Banking, Bankomat- und Kreditkarte) keine Antwort von der FMA erhalten und deshalb eine Säumnisbeschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht. Dieses war damit nicht glücklich und gab der FMA darin recht, dass sie *nicht* innerhalb der im Gesetz angegebenen Frist von drei Monaten reagieren müsse. Konkret beginne die Frist nicht ab Eintreffen des Antrags, sondern erst, nachdem die FMA einen Antrag als vollständig betrachtet habe. Solange dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte die FMA noch tausend Jahre mit der Antwort zuwarten können – obwohl das Gesetz auch eine „unverzügliche“ Antwort auf den Erstantrag vorsieht. Zu dieser Fristenwirrnis schwieg das BVwG in seinem umfangstarken Entscheid…

Am 15. Juni, 9 Monate nach unserem Antrag, erhielten wir schließlich den Bescheid, dass unser auf 500 Seiten Fachtext nachgebesserter Antrag so unvollständig sei, dass er nicht einmal inhaltlich geprüft worden sei. Wir erfuhren die Nachricht aus den Medien, noch bevor sie vom Rechtsanwalt zu uns fand. Nach neunmonatigem Warten-Lassen war es der FMA nun offenbar ein Anliegen, ihre Entscheidung den Medien mitzuteilen, bevor wir darauf reagieren konnten... Wir entschieden uns nicht nur gegen eine Berufung (der Bescheid wäre an das unwillige BVwG gegangen…), sondern auch gegen einen Neuantrag, weil in der Zwischenzeit das BVwG der FMA auch in der Auffassung gefolgt war, dass sämtliche Geschäftsprozesse bis ins vorletzte Detail hätten beschrieben werden müssen – dafür hätte es eines Antrags von geschätzten 2000 Seiten bedurft sowie einer „schlüsselfertigen“ Aktiengesellschaft (das Gemeinwohl-Zahlungsinstitut), was zusammen geschätzt zwei Millionen Euro gekostet hätte. Weil es selbst dann völlig ungewiss gewesen wäre, ob uns die FMA die Lizenz erteilt hätte, haben wir von dieser Hochrisikoinvestition Abstand genommen – auch angesichts der insgesamt „nur“ gesammelten 4,2 Millionen Euro. Da auch den finanzethischen Start-ups ZEF in Kroatien, New B in Belgien (immerhin mit 50.000 Genossenschafter*innen an Bord!) und FIARE in Spanien die Lizenzen von den jeweiligen nationalen Aufsichtsbehörden verweigert wurden, vermuten wir System dahinter. Bekannt ist ja, dass die europäischen Bankenaufseher*innen lieber eine überschaubare Anzahl von zu beaufsichtigenden Banken bevorzugen, im Fehlglauben, dass das ihre Arbeit erleichtern würde. Damit stützen sie den Problemkern, nämlich die Existenz zu großer und mächtiger Institute. Ich sehe es als gefährliche Fehlentwicklung, dass die Industrial and Commercial Bank of China in Österreich eine Vollbankenlizenz erhielt, obwohl ihre Bilanzsumme mit vier Billionen US-Dollar mehr als doppelt so groß ist wie die der Deutschen Bank – und ihr Jahresgewinn halb so groß ist wie das Budget der Republik Österreich: by far too big to fail. 

Chronologie des Lizenzantrags

Neuausrichtung der Genossenschaft für Gemeinwohl

Wir haben uns aber nicht beirren lassen: Wir sind sehr stolz auf die 6030 Genossenschafter*innen an Bord, die insgesamt 4,2 Millionen Euro in die Genossenschaft eingebracht haben, und wir haben die Genossenschaft in einem sorgfältigen Prozess, Teil dessen auch ein Strategietag im Juli mit über 60 Genossenschafter*innen war, neu ausgerichtet: auf die Entwicklung lizenzfreier Finanzdienstleistungen und die Kooperation mit einem oder mehreren Bankpartnern, frei nach dem Motto: Es gibt ein Leben ohne Lizenz!

Auf der ao. Generalversammlung am 8. September wurden folgende Beschlüsse mit großer Mehrheit gefasst:
  • Fortführung (Nichtauflösung) der Genossenschaft
  • Umbenennung im Firmenbuch auf GfG Genossenschaft für Gemeinwohl eG
  • Neuausrichtung auf „Geldwirtschaft für Gemeinwohl“ mit 6 Geschäftsfeldern: Gemeinwohl-Konto (mit Partner-Bank), Gemeinwohl-Finanzierungen (mit Partner-Bank), Crowdfunding, Vermögenspool, Warengutscheine und Akademie für Gemeinwohl
  • Alle Leistungen sind in Zukunft ausschließlich für Mitglieder
  • Einführung eines Genossenschaftsbeitrags von 5 € / 2,50 € pro Monat- Abschaffung der Nachschusspflicht (möglich, weil zusätzlich Konsumgenossenschaft)
  • Herabsetzung des Kapitals auf 25%, um die seit 2014 getätigten Ausgaben „abzuschreiben“;    ein Genossenschaftsanteil ist ab 1.1.2019 statt 100 Euro 25 Euro wert
  • Möglichkeit zum Ausstieg für jene, die den neuen Weg nicht mitgehen wollen, mit Jahresende- Neueinstieg in die Geno voraussichtlich ab 1.1.2019 ab 50 Euro möglich (2 Genossenschaftsanteile)
Alle (systemisch konsensierten) Entscheidungen wurden „umgerechnet“ mit über 75% Zustimmung getroffen. Die Atmosphäre war klar und kraftvoll. Und inzwischen ist auch die Wahl des Bank-Partners – wir durften am Ende zwischen vier Angeboten auswählen – getroffen und wird bei einer Pressekonferenz am 21. November 2018 öffentlich bekannt geben.

Meine Worte zum Geleit der ao GV am 8.9.2018 
Neuausrichtung der GfG

Erfolgreiches Crowdfunding

Während uns das Lizenzantragsverfahren in seinen Bann gezogen hat, haben wir das Crowdfunding systematisch weiterentwickelt und finanzieren immer mehr und größervolumige Projekte. Mit der Bürgersolarstromanlage in der steirischen Gemeinde Hitzendorf wurde erstmals ein Projekt mit einem Volumen von 100.000 Euro erfolgreich ausfinanziert. Aktuell ist sogar ein Projekt über 232.000 Euro im Laufen: Die Buchbinderei Fuchs in Saalfelden (Salzburg) ist ein einzigartiger Handwerksbetrieb, der mit unglaublich viel Liebe altes Wissen, Jahrhundertmaschinen und modernste Technik kombiniert. Alles unter dem Stern des Gemeinwohls. Zum 25-jährigen Bestehen mit stetigem Erfolg wird das Betriebsgebäude in Saalfelden ausgebaut, mit ökologisch vorbildlichen Standards von Hanf-Dämmung bis Photovoltaik-Anlage. Die Finanzierung erfolgt u. a. via Crowd-Lending der GfG. Da es sich nicht nur um ein außergewöhnliches Unternehmen, sondern auch um einen Pionier-Betrieb der GWÖ mit Gemeinwohl-Bilanz handelt, habe ich mich mit 500 Euro beteiligt. Auch das Haus der Menschenrechte in Linz und das Öko-Schalldämm-Unternehmen Whisperwool in Tirol sind spannende aktuelle Projekte. 

Crowdfunding der GfG

III. Gemeinwohl-Ökonomie 

Verbandsgründung

Sechs Jahre nach dem Beschluss der noch jungen Bewegung 2012 in Wien, einen internationalen Verband zu gründen, ist der historische Meilenstein am 29. September 2018 in München gelungen. Die Vertreter*innen von neun nationalen Fördervereinen (Schweden, Großbritannien, Niederlande, Deutschland, Österreich, Italien, Schweiz, Spanien, Chile) beschlossen kurz nach 14 Uhr, den Verband zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie aus der Taufe zu heben. Die Atmosphäre war sehr fein und konzentriert, um das sensible Großprojekt sicher über die Ziellinie zu bringen. Bravo GWÖ und Gratulation allen Mitwirkenden! Ich bin sehr gespannt, wie viele Mitglieder der Verband 2030 haben wird und wo wir überall Büros unterhalten werden!

Newsbeitrag auf ecogood.org

Stuttgart fördert private Unternehmen Gemeinwohl-Bilanzen

In Stuttgart geht es Schritt um Schritt voran. Nachdem die Stadt in einem Pilotprojekt zwei Kommunalbetriebe bilanziert hatte, bestellte sie eine Art „Gemeinwohl-Beauftragte“. Und nun der nächste Streich: Ab sofort werden private Unternehmen, die die Gemeinwohl-Bilanz erstellen, mit bis zu 50% Kostenersatz gefördert. Möge das zur nächsten Erweiterungsrunde führen und vor allem auch als Vorbild für weitere Städte dienen. Mannheim hat bereits beschlossen, 2019 vier (!) Kommunalbetriebe zu bilanzieren.

Pressemitteilung Wirtschaftsförderung Stuttgart

Preise für GWÖ-Unternehmen

Der Preisregen dauert an. Zum einen erhielt Christine Miedl von der Sparda Bank München den renommierten B.A.U.M.-Umweltpreis, weil es sich um die erste Bank in Deutschlands mit Gemeinwohl-Bilanz handelt. Die GWÖ gratulierte sehr herzlich und beförderte Christine Miedl, die sich bereits aktiv als Referentin engagiert hatte, zur GWÖ-Sprecher*in. (Die preisverleihende B.A.U.M.-Beratungs GmbH hatte ihrerseits die Gemeinwohl-Bilanz gemacht.)

Zum anderen wurde der Allgäuer Autozulieferer elobau von der PR-Agentur Faktenkontor zum viertwertvollsten Unternehmen Deutschlands gekürt – aus sozialer, ökonomischer und ökologischer Perspektive. Faktenkontor hat gemeinsam mit der dpa-Tochter news, unterstützt vom Hamburger WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) Nachhaltigkeitsberichte und vergleichbare Veröffentlichungen der 5.000 mitarbeiterstärksten Unternehmen in Deutschland untersucht und anhand der Standards der Global Reporting Initiative ausgewertet. Elobau macht selbst keinen GRI-Bericht, sondern die Gemeinwohl-Bilanz. Wir gratulieren Firmenchef Michael Hetzer und dem „Gemeinwohlbeauftragten“ Armin Hipper!

GWÖ-Woche in Memmingen

Eigentlich noch ein Highlight, jedenfalls der soziale Höhepunkt im GWÖ-Jahr war die mittlerweile 3. Sommerwoche im Kloster Bonlanden nahe Memmingen im Allgäu. Rund 100 Aktive aus dem DACH-Raum und weit darüber hinaus (bis Australien) nahmen an dem dichten Hochenergieprogramm teil und gestalteten die GWÖ-Bewegung tatkräftig mit. Auch eine fußläufige Schwimmgelegenheit fanden wir, die den Ordensleuten unbekannt war. Seit die Woche vorbei ist, freue ich mich schon auf das nächste Jahr!






IV. Wissenschaft

„Donut“ meets ECG

Nach langer Vorbereitung war es im April endlich soweit: Kate Raworth, die „Donut-Ökonomin“, kam erstmals nach Österreich (die Universität für Bodenkultur hatte bereits zweimal versucht, sieeinzuladen; mit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe des Buches war es nun möglich geworden). Ich hatte frühzeitig davon erfahren und die Gelegenheit genützt, neben einer wissenschaftlichen Veranstaltung auf der Boku auf Englisch eine weitere öffentliche Veranstaltung auf Deutsch zu initiieren. Der ORF sprang mit dem Dialogforum auf und holte noch das Forum Alpbach und die Wiener Zeitung an Bord.

Hauptkooperationspartner war die deutsche und österreichische „Gesellschaft für Plurale Ökonomik“, mit der ich für die GWÖ auch eine strategische Kooperation anstrebe, zu der diese Veranstaltung den Auftakt bildete. Ich hatte Kate schon im Februar an der Lausanne Business School auf Einladung von Katrin Muff getroffen und ein weiteres Mal in Belgien zu einem gemeinsamen Interview. Meine Einschätzung ist, dass sie mit ihrem Buch einen Theorie-Rahmen für eine Gemeinwohl-Ökonomie gelegt hat, so ganzheitlich wie bisher niemand zuvor, und deshalb eine enge Kooperation zwischen ihr und der GWÖ von großem Wert für unsere Bewegung ist. Von daher war es ein besonderes Geschenk, mit ihr gemeinsam insgesamt 2 Stunden zu diskutieren. Eine weitere Frucht der Veranstaltung ist eine vergleichende Gegenüberstellung Donut – GWÖ, die ich gemeinsam mit Kate verfasst und im GWÖ-Blog veröffentlicht habe.

Veranstaltungsankündigung 
60-minütige Übertragung auf ORF III

Vergleich Donut-Ökonomie – GWÖ

IASS-Fellowship gestartet

Im August trat ich meine erste Fellow-Woche am IASS in Potsdam an! Ich durfte in einem Alte-Villa-Apartment mit Blick auf Baum und Park logieren, zur Schwimm-Möglichkeit im „Heiligen See“ ist es ein 10-minütiger Lauf, Potsdam ist eine verträumte Vorstadt von Berlin – ein perfekter Rahmen für kreative Muße! Doch auch hier besteht die Gefahr, vor lauter Treffen (Fellows, wiss. Mitarbeiter*innen, Direktor*innen, Verwalter*innen, Berliner*innen) keine Zeit für die eigentliche Forschungsarbeit zu finden – und die zugehörigen Interviews.

Die ersten beiden habe ich mit dem Leiter des ECS an der ZU Friedrichshafen, Manfred Moldaschl, und mit dem ersten Professor für Plurale Ökonomik in Deutschland, Helge Peukert, geführt. Helge Peukert kenne ich noch aus meinen Attac-Zeiten und als Befürworter der Vollgeld-Reform. An der Universität Siegen hat er mir seine Bibliothek für Plurale Ökonomik gezeigt und ein Dutzend Bücher mit auf den Weg gegeben. Das dritte Interview ist mit der PIK-Koryphäe Joachim Schellnhuber für meinen Dezember-Aufenthalt fixiert.

Und noch eine große Chance hat sich aufgetan: Über den „Inkubator“ besteht die Chance, dass das IASS ein Forschungsprojekt zum Vergleich und möglichen Integration der wichtigsten Nachhaltigkeit-Berichtsrahmenwerke (GRI, Global Compact, DNK, B Corps, GW-Bilanz, ...) in Auftrag gibt! Dann könnten sich Wissenschaflter*innen im deutschen Sprachraum um das Projekt bewerben, und ich wäre mit IASS-Kolleg*innen in der Auftraggeber*innen-Rolle. Das wäre ein perfekter Beitrag zur geplanten GWÖ-Kampagne „Gleichstellung von Gemeinwohl- und Finanzbilanz“. Keep your fingers crossed!

Lehrgang „Angewandte GWÖ“ gestartet

Der erste Lehrgang Angewandte Gemeinwohl-Ökonomie ist klein, aber besonders fein zustande gekommen: mit TeilnehmerInnen aus einem GWÖ-Unternehmen, einer Regionalgruppe, einer MitarbeiterIn eines Mitglieds des wissenschaftlichen Beirats, einem „Umsteiger“ von der alten in die neue Welt und einer GWÖ-Pionier-Unternehmer*in. Mein Beitrag fiel in zwei wunderschöne Spätsommertage Anfang Oktober. Wir gestalteten die Einheiten überwiegend in der Natur und in Form von „dynamic teaching“ - eine wunderbare Erfahrung.

Lehrgang Angewandte GWÖ

V. Reisen

Costa Rica


Beim dritten Anlauf hat es geklappt! Der Rektor der Universidad para la Cooperación Internacional, Eduard Müller, lud mich zu zwei Vorträgen (an zwei Unis) und einem viertägigen Expert*innen-Seminar zur Entwicklung nachhaltiger Bioregionen. Aus den USA waren angereist u. a. Hunter Lovins (Natural Capitalism Solutions), John Fullerton (Capital Institute) und Joe Brewer (Tänzer und Universalgenie), aus Costa Rica waren Expert*innen aus unterschiedlichen Disziplinen dabei. Wir brüteten intensiv an einem ganzheitlichen Konzept für drei Modellregionen, in denen der Prototyp aus Umweltschutz, nachhaltiger Landwirtschaft, BürgerInnen-Beteiligung und Gemeinwohl-Ökonomie umgesetzt werden könnte. Mein Hauptziel war die Etablierung der GWÖ Costa Rica, das Energiefeld ist in Gründung, auch hier spielt Eduard Müller eine zentrale Rolle. Und: Auf Vermittlung eines Richters aus Bayern besuchte ich das Stifter-Ehepaar des Social Science Award Shu Kai und Angela Chan, beide (je) fast hundert Jahre alt, um die GWÖ und michvorzustellen. Die GWÖ wird sich um den Preis 2019 bewerben.

Kurzvideo vom Expert*innen-Seminar
Artikel über das Seminar

Holland

In Holland wird die GWÖ-Energie stärker. Zunächst hat mich Oxfam Novib zu einem Doppel-Event eingeladen: Allgemeine Präsentation der GWÖ für das staff, dive-deep session für ein Dutzend ausgewählter ExpertInnen. Oxfam ist eine der einflussreichsten internationalen Organisationen, die durch die haarsträubenden Ungleichheitszahlen – sechs Menschen besitzen so viel wie die halbe Menschheit – vielen bekannt geworden ist.

Das „Dutch chapter“ ist besonders gut aufgestellt und strategisch in Den Haag situiert. Das „Narrativ“ der GWÖ wurde sehr positiv aufgenommen, und wir haben ganz konkrete Optionen besprochen – von der Übernahme des Narrativs über die Bilanzerstellung durch Oxfam bis hin zu politischem Lobbying im holländischen Parlament. Wichtige Kontakte sind genküpft und werden gehalten, ein Folgetreffen in Holland ist bereits terminisiert.

In ähnlichem Esprit ging es weiter: Nach den Impact Hubs in Mexiko, München und Wien (in dem sich auch das österreichische GWÖ-Büro befindet) lud mich das Amsterdamer Impact Hub ein, das von der Kanadierin Tatiana Glad gamanagt wird, die auch dem Verbund-Vorstand der aktuell weltweit 100 Impact Hubs vorsitzt. Ich wurde sehr warm und wertschätzend aufgenommen, die GWÖ wird als einen Schritt konkreter als die „Doughnut-Ökonomie“ von Kate Raworth angesehen, die sich enormer Popularität erfreut. In Aussicht ist das persönliche Engagement von Tatiana, die Organisation eines Berater*innen-Kurses im Impact Hub Amsterdam. Aus der Hub-Community haben sich weitere Interessierte gefunden, die sich einbringen möchten. Alles zusammen stimmt mich sehr optimistisch in Bezug auf Holland, das als einer von neun Landesorganisationen den internationalen Verband mitgegründet hat.

Italien

Dass ich in der Kathedrale des italienischen Kapitalismus – der Mailänder Börse – die Gemeinwohl-Ökonomie vorstellen würde, lag bis vor kurzem außerhalb meines Horizonts. Das toskanische Unternehmen Aboca hat es möglich gemacht: Vor 40 Jahren begann das „Sekem der Adria“ seine Mission mit Heilpflanzen, nahezu unbemerkt. Heute arbeiten 1300 Menschen für das international expandierende Bio-Unternehmen, das medizinische, pharmazeutische, therapeutische und dietätische Produkte herstellt und dafür 1700 Hektar Agrarfläche biologisch bewirtschaftet. Auf die GWÖ aufmerksam wurde der sehr belesene und weltweit vernetzte Junior-Chef Massimo Mercati, zu seinem Umfeld zählen Fritjof Capra und Stefano Zamagni. Um das Unternehmen zu einer ethischen und nachhaltigen Organisation zu entwickeln, wurde es vor kurzem eine der ersten „Societá benefit“, die zwischen Nichtgewinnorientierung und Gewinnorientierung liegt und seit 2016 eine alternative Unternehmensrechtsform in Italien ist. Bisher gibt es 300 solcher Unternehmen in Italien. Sie dürfen zwar Gewinne realisieren, müssen aber einem statutorischen (sozialen) Zweck entsprechen und dies jährlich genau dokumentieren. Dem Vernehmen nach kann dieser gesetzlichen Pflicht mittels einer Gemeinwohl-Bilanz nachgekommen werden. Einer der satzungsmäßigen Unternehmensaufträge von Aboca ist die Förderung von Kultur und öffentlicher Bildung, wozu auch ein jährliches Event an der Mailänder Börse zählt. Im Publikum saßen schwerreiche Investoren, die sich den Paradigmenwechsel anhörten. Neben der Option der Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz erörterten wir auch die Teilnahme am Best Economy Forum im April in Bozen, und ich erhielt eine Einladung in die Toskana, um das Unternehmen besser kennen zu lernen – bella Italia, ich kehre bald wieder!

PS: Ein Teil des italienischen GWÖ-Netzwerks – aktuell aus sieben Regionalgruppen bestehend – nützte die Veranstaltung für ein persönliches Treffen, es kamen u. a. die Vizepräsidentin Lidia di Vece aus Turin, Schriftührerin Stella Catto aus Padova und zwei weitere Mitglieder aus Monza. Wir klärten einige Fragen und freuten uns über die gleichzeitig stattfindende Gründung des Internationalen Verbandes, zu der ich am nächsten Tag weiterreiste.

VI. Tanz 

Common Good Dance zum 60. Geburtstag des EWSA

Der EU-Wirtschafts- und Sozialausschuss, der eine Initiativstellungnahme zur GWÖ verfasst und mit 86% der Stimmen angenommen hat, schätzt nicht nur das inhaltliche Modell. Zu seinem 60. Geburtstag durfte ich beim „Cultural Event“ in der Brüsseler Albert Hall die GWÖ auch vortanzen. In Gestalt eines 12-minütigen Sprech- und Partnering-Tanzstücks, mit der Akrobatin Magoa Hanke. Begleitet wurden wir von einem improvisierenden Saxophonisten. Airan Berg, langjähriger Direktor des Wiener Schauspielhauses, Kurator der EuropäischenKulturhauptstadt Linz und Moderator des Gemeinwohl-Festes im Wiener Volkstheater, war mit der Kuratierung des Events beauftragt worden und integrierte uns in das Abendprogramm. Wir probten intensiv, und das „Geburtstagsgeschenk“ gelang. Schon nach dem ersten Satz brandete Szenenapplaus auf – mit einem „politischen Tanzstück“ hatte niemand der 400 Festgäste gerechnet. Nach dem Abend wurden wir von unzähligen „Brüssel-Menschen“ angesprochen und beglückwünscht, Ideen zur Wiedereinladung kamen spontan von der belgischen Staatsoper über das Europäische Parlament bis zur Industriellenvereinigung in Österreich! Professor Gerhard Riemer, senior Konsulent der IV und Mitglied des EWSA, meinte, das Stück müsse im großen Festsaal im Haus der Industrie gezeigt werden – ich imaginiere schon die Einladung!

Schriftliches Skript zum Tanz

Tree-hanging

Was kommt nach tree-hugging? Tree-hanging! Motiviert durch ein langjähriges Rückenthema, aber auch durch konkrete Bewegungspraktiken in der Contactimprovisation habe ich begonnen, mich systematisch an Bäumen auf- bzw. abzuhängen, an den Kniekehlen. Wahlweise auch am Kreuzbein, wenn weitere „Elemente“ zum Festhalten, -klemmen oder -spreizen vorhanden sind. Oder auch nur (!) an den Füßen, das ist der Hit, jeder Baum ermöglicht etwas anderes – und en passant gesundete mein Rücken...

VII. Medienblitzlichter

  • Gastkommentar für Futur Zwei zur Vollgeld-Reform.
  • Interview im Südkurier über die Gefahr des Kapitalismus. 

VIII. Action!

GWÖ-Mitglied werden und den Verband nähren
Schon Mitglied in der Gemeinwohl-Ökonomie? Die Fortschreitende Professionalisierung bedarf auch einer breiter werdenden Mitglieder-Basis.
Hier geht es zur Anmeldung…

Ebenso freut sich der frisch gegründete Verband über finanzielle Stärkung: 
Internationaler Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie e.V.
DE50 4306 0967 2062 4339 00 // GENODEM1GLS

Im neuen Jahr Genossenschafter*in werden. 
Nach der Kapitalherabsetzung, die für Ende Dezember geplant ist, kann mensch ab Anfang 2019 mit 50 Euro (2 Geschäftsanteile) Mitglied der Genossenschaft für Gemeinwohl werden. Das ist nicht nur deutlich niederschwelliger als bisher (200 Euro), sondern es wird dann auch die Nachschusspflicht entfallen – somit ist der Betrag der Beteiligung das maximale Risiko.

GWÖ Südostasien mitgründen!
Zwei Philippinos, die auf der der AEMS, der gemeinsamen Sommerakademie von OeAD und GWÖ waren, wollen die GWÖ in Südostasien aufbauen. Wohnt jemand zufällig zwischen Japan, Indonesien und Australien? Dann meldet Euch gerne bei mir, ich stelle den Kontakt her! info@christian-felber.at

Binding Treaty einfordern!
In der UNO läuft aktuell unter dem Titel "Binding Treaty" der 3. Anlauf für die völkerrechtliche Festlegung von Konzernpflichten. Leider sieht es zum dritten Mal sehr schlecht aus, weil die Regierungen nicht gewillt sind, die Wirtschaftsfreiheiten der transnationalen Konzerne (TNC) auch mit Pflichten zu balancieren. Umso wichtiger ist die Verbreitung der Information, dass, ausgehend von Ekuador und Bolivien, der Versucht unternommen wird. Hier unterschreiben!

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IMPRESSUM
Christian Felber, Postfach 30, 1072 Wien, Österreich
info@christian-felber.at, christian-felber.at 
F.d.I.v,: Christian Felber, Tax ID: ATU56359327